Warum Bilder nicht DIE Wirklichkeit zeigen

Markus Gabriel stellt in seinem Werk „Warum es die Welt nicht gibt“ und anderen philosophischen Schriften grundlegende Fragen: Wo finden wir Sinn? Existiert er in den Dingen selbst, oder entsteht er erst durch unsere Wahrnehmung? Diese Gedankengänge lassen sich überraschend gut auf die Bildsprache übertragen – eine Kunstform, die wie kaum eine andere mit Sinn und Bedeutung spielt.

Die Konstruktion des Sinns in der Fotografie

In der Fotografie geht es selten nur darum, etwas festzuhalten. Vielmehr geht es darum, Bedeutung zu schaffen, einen Moment mit Sinn aufzuladen und ihm damit einen Platz in der Wahrnehmung anderer zu geben. Markus Gabriel argumentiert, dass Sinn immer subjektiv entsteht, durch das Zusammenspiel von Betrachter und Objekt. Ein Foto erlangt demnach erst dann seine volle Wirkung, wenn es die Gedanken und Emotionen des Betrachters anspricht.

Beispiel Bildsprache:
Ein einfaches Porträt kann mehr erzählen, als ein langes Gespräch – nicht, weil das Foto etwas „wirklich“ darstellt, sondern weil der Betrachter es in seinen eigenen Erfahrungshorizont einordnet. So wird Sinn im Auge des Betrachters „freigelassen“, um Gabriel zu paraphrasieren.

Die Vielfalt der Bedeutungsräume

Gabriels Philosophie der „Sinnfelder“ ist für die Bildsprache besonders spannend. Er beschreibt, dass Sinn in verschiedenen Räumen existiert – in der Kunst, in der Wissenschaft, in der Alltagskommunikation. Jede Form von Bildsprache kann in eines oder mehrere dieser Sinnfelder eintreten, abhängig davon, wie sie gestaltet und präsentiert wird.

Ein Werbebild etwa sucht seinen Sinn im Feld des Konsums: Es möchte emotionalisieren, Vertrauen schaffen, und letztlich zu einer Handlung führen. Ein künstlerisches Foto hingegen spricht andere Ebenen an, fordert Reflexion, stößt vielleicht sogar auf Widerstand. Der entscheidende Faktor ist, wie bewusst und durchdacht diese Sinnfelder angesprochen werden.

Was Bildsprache von der Philosophie lernen kann

  1. Sinn ist keine absolute Wahrheit: In der Philosophie Gabriels gibt es keine eine Wahrheit, nur viele Perspektiven. Ein Foto muss also nicht „alles sagen“. Vielmehr kann es durch das gezielte Auslassen von Informationen den Betrachter dazu einladen, selbst Sinn zu stiften.

  2. Kontextualisierung ist zentral: Gabriel hebt hervor, dass nichts isoliert Sinn ergibt. Ebenso lebt die Bildsprache von ihrem Kontext – sei es durch die visuelle Inszenierung, das Medium, oder die Geschichte, die das Foto einbettet.

  3. Vielfalt als Stärke: Fotografen und visuelle Gestalter sollten Gabriels Gedanken der Sinn-Vielfalt aufgreifen. Ein Bild, das mehrere Dimensionen anspricht – etwa emotional, informativ und ästhetisch – entfaltet nachhaltige Wirkung.

Der Fotograf als Sinnschaffender

Markus Gabriel versteht den Menschen nicht nur als jemanden, der Sinn erkennt, sondern aktiv Sinn schafft. In der Fotografie wird dies besonders deutlich: Jeder Fotograf ist auch ein Sinnarbeiter, der mit Licht, Schatten, Komposition und Kontext eine Bühne baut, auf der der Sinn auftreten kann.

Das Besondere an Bildern ist ihre direkte Verbindung zu unserer Wahrnehmung. Sie umgehen häufig rationale Denkmuster und treffen uns auf einer emotionalen Ebene – einer Ebene, die Markus Gabriel zufolge eine der zugänglichsten Formen des Sinns ist.

Buchtipp:

„Warum es die Welt nicht gibt“ von Markus Gabriel – eine philosophische Einladung, den Dingen, wie sie uns erscheinen, kritisch und offen zu begegnen. Ein Werk, das neue Perspektiven auf Wahrnehmung und Bedeutung öffnet – auch für die Welt der Fotografie.

Fazit

Sinn in der Fotografie entsteht nicht automatisch. Er ist eine Einladung – für den Fotografen, die Fotografin, und für den Betrachter. Bildsprache kann uns zeigen, dass Sinn nicht festgelegt oder absolut ist, sondern ständig im Fluss und in der Begegnung neu entsteht. So werden Bilder zu mehr als visuellen Eindrücken: Sie werden zu sinnstiftenden Begegnungen. In den Worten von Markus Gabriel: „Wir schaffen den Sinn, der in der Welt auf uns wartet.“

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Die Relevanz von Sichtbarkeit im Zeitalter der Singularitäten

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Zwischen Unverfügbarkeit und Resonanz: Wie Bildsprache und Design verbinden können